Rainer Schmidt: Irgendwie sind wir doch alle behindert!

HELMSTEDT. Zusammenleben, ohne Kategorien und ohne Diskriminierung – mit diesem Ziel vor Augen informierte das Projekt "Gemeinsam leben – Gemeinsam Sport treiben" mit Vorträgen und Mitmachaktionen über den Alltag von Menschen mit Behinderung.

"Meine schwerversehrten Damen und Herren, Sie werden noch merken, wie behindert Sie sind", begrüßte Rainer Schmidt sein Publikum in der Eon-Avacon-Zentrale. Der Rheinländer ist Pfarrer, Dozent und gewann bei den Paralympics 2003 die Goldmedaille im Tischtennis – ohne Hände. Beim Projekt "Gemeinsam leben – gemeinsam Sport treiben" erzählte er aus seinem Leben. Dazu eingeladen hatte das Gymnasium am Bötschenberg. Finanziert wurde die Aktion vom Energieversorger Eon-Avacon.

Schmidt leidet am Femur-Fibula-Ulna-Syndrom und ist mit missgebildeten Armen und einem verkürzten Bein auf die Welt gekommen. "Aber bis ich sechs Jahre alt war, wusste ich nicht, dass ich behindert war. Ich dachte ich hätte nur kurze Arme", sagt er. Denn seine Freunde hätten ihn ganz normal behandelt.

Der Alltag ohne Hände:

Dass er eine sonderpädagogische Grundschule besuchen musste, gefiel dem jungen Rainer zuerst ganz und gar nicht. Erst später lernte er die menschliche Vielfalt dort lieben. Getrennte Bildung vergrößere jedoch den Mangel an Verständnis für Menschen mit Behinderung, meint Schmidt. "Nur was man kennt, ist normal. Wenn man behinderten Menschen regelmäßig begegnet, zum Beispiel beim Sport oder in der Schule, verschwinden auch die Berührungsängste."

Die vom Land Niedersachsen anvisierte Inklusion, also die Integration von behinderten Kindern in Regelschulen, sei ein großer Schritt in die richtige Richtung. Auch Schmidt hatte sein Abitur an einem regulären Gymnasium absolviert.

Integration in Schulen:

In Helmstedt ist die Inklusion noch in den Anfängen. Friedrich Jungenkrüger, Leiter des Gymnasiums am Bötschenberg, erklärt: "Wir sind offen für alle Schüler, aber wenn die Inklusion bis 2018 landesweit durchgeführt werden soll, müssen auch die Rahmenbedingungen stimmen. Dazu gehören die Schulung von Lehrern, angemessene Klassengrößen und die richtige Ausstattung." Ob der Landkreis als Träger künftig bestimmte Schulen gezielt behindertengerecht ausstatten wird, möchte Erster Kreisrat Uwe Winkler noch nicht sagen. "Darüber gibt es noch keine abschließende Meinung. Wir stehen der Inklusion aber offen gegenüber und versuchen, jeden Einzelfall nach Möglichkeit zu unterstützen", betont er. Bisher sind nur wenige Schulen in Helmstedt barrierefrei.

Schüler machen Selbstversuch:

Doch wie sieht es mit der Stadt selber aus? Der Sportleistungskurs des Gymnasiums am Bötschenberg wollte es wissen. Die Schüler liehen sich Rollstühle aus und filmten ihre Probefahrten durch die Innenstadt. Ihr Fazit: Generell können sich Rollstuhlfahrer in Helmstedt gut fortbewegen.

Als positiv wurden einige Apotheken und das Rathaus bewertet, denn diese sind ebenerdig oder besitzen einen Behinderteneingang mit elektrischer Tür. Für den Holzberg hagelte es Kritik. Die Pflastersteine seien für Rollstuhlfahrer unbezwingbar. "Mich hat die Reaktion der Leute erschreckt. In vier Stunden haben uns nur zwei Passanten geholfen. Der Rest hat entweder nur weggeguckt oder uns angestarrt", sagt Denise Hillemann. Solcher Zurückhaltung liege oft Unsicherheit zugrunde, betont Schmidt: "Viele wissen nicht, wie sie mit Behinderten umgehen sollen."

Er hofft, dass die Begriffe "nicht behindert" und "behindert" künftig ganz verschwinden. "Denn irgendwie sind wir doch alle behindert! Der eine kann nicht laufen, der andere kann schlecht sehen – Hilfsmittel brauchen wir alle." Wie es ist, einen Rollstuhl als Hilfsmittel zu nutzen, haben Schüler und Erwachsene bei einem Rollstuhlbasketball-Turnier ausprobiert. Johannes Wilde war begeistert: "Man ist so wendig und dreht sich mit der kleinsten Handbewegung. Ich fand es cool. Das war mal eine neue Perspektive!"

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